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Zauberberg

Ein wundervollerer Ort für ein Stadion lässt sich kaum denken: Über dem majestätisch glitzernden Zusammenfluss zweier großer Schienentrassen, dort wo S-Bahnen von Norden her in den großen Ringfluss einmünden, von kühnen Brücken überspannt, die zum Luftspaziergang vom Wedding-Westen in den Prenzlberg-Osten laden, zum Mauerpark hinüber, dort wo einen Blick nordwärts die Bornholmer Brücke grüßt, wacht ein Hügel über dem breiten Gleißen der Gleise. Auf diesem Hügel standen sich, wie aus einem fremden Himmel gefallene Maya-Pyramiden, einst zwei mächtige Steinkolosse gegenüber: der „Uhrenberg“ und der „Zauberberg“, die beiden mächtigen Hintertortribünen der „Plumpe“.

Dies ist eine der Mitten Berlins, eine seiner vielen Nahtstellen. Dies ist über Jahrzehnte das Gravitationszentrum der Fußball-Liebe gewesen: Hier hat einer der großen deutschen Traditionsvereine gebolzt, gebangt und gejubelt, hier, wo der Blick auf Berlin prachtvoller, urbaner und nostalgischer kaum werden kann, strömte alles zusammen, sofern es den Fußballsport liebte. Zur Plumpe. Hier ist sie ausgelöscht worden. Es ist der beste Ort, um nachzudenken über Hertha BSC, den vielgeliebten und oft verschmähten Verein, den zweimaligen deutschen Meister und konkurrenzlosen Virtuosen im Verpassen historischer Chancen.

Jede größere Stadt hat einen Klub, der mal Bundesliga gespielt hat. Manche sogar zwei. Berlin kann darüber nur schmunzeln. Nicht weniger als neun Hiesige haben eine höchste deutsche Spielklasse von innen gesehen: Hertha BSC, Tasmania, Tennis Borussia und Blau-Weiß 90 im Westen. BFC Dynamo, 1. FC Union, Vorwärts, VfB Pankow und SC Lichtenberg 47 im Osten. Und auch nach Champions liegt Berlin aber janz weit vorne in Deutschland. Da sind die DDR-Serienmeister Dynamo und Vorwärts. Und selbst wenn man die nicht mitrechnen mag, bleiben immer noch drei Titelträger unter der weisen Ägide des DFB, na, eigentlich dreieinhalb: Union 92 gewann 1905. Im Jahr drauf stürmte die Britannia (heute Berliner SV 92) bis ins Endspiel, welches dann aber nicht stattfinden konnte, was leider der DFB damals versemmelt hat. Die Viktoria aus Tempelhof gewann die Endspiele 1908 und 1911. Überhaupt: Acht Hauptstadtvereine schafften es zwischen 1903 und 1922 bis ins Halbfinale.

Doch das richtig große Ding kam überhaupt erst noch: Zwischen 1926 und 1929 zog die Weddinger Hertha (von der Grenze zu Prenzlauer Berg) viermal nacheinander ins Endspiel ein. Selbst die großen Teams aus Hamburg und Nürnberg hatten das nur dreimal geschafft. Auf ihrem Weg schlug die Hertha alles, was Rang und Namen hatte – um im Endspiel zu scheitern. 1926 war Fürth zu stark, 1927 war es Nürnberg, 1928 der HSV, 1929 wieder Fürth. Vier Endspiele, viermal verloren. Ein guter Zeitpunkt, um auseinanderzubrechen. Doch was machte die Hertha um ihren großen, heute nahezu vergessenen Supertechniker Hanne Sobek, den Fritz Walter noch als sein Vorbild nannte?

Sie schlug sich wieder ins Endspiel durch. Lag gegen Holstein Kiel nach acht Minuten mit null zu zwei hinten. Und kämpfte sich dann in das dramatischste DFB-Finale aller Zeiten hinein, bis, als alle beim Schlusspfiff umsanken, ein unfassbares fünf zu vier stehen blieb: Hertha BSC war deutscher Meister. Und im nächsten Jahr gleich noch mal: drei zu zwei gegen 1860 München. Berlin lag im Fußballtaumel, vom Bahnhof Friedrichstraße aus wurden die Helden durch die Straßen getragen . . . 1931 war das. Seitdem wartet die Stadt.

Seitdem segelt die Hertha meistens im Sinkflug. Andere Teams zogen vorbei. Der Krieg kam, der Krieg ging. Im Wedding schafften sie die Trümmer weg und bauten die Plumpe wieder auf. Berlin wurde zur Mauerstadt, Hertha versank im Provinziellen: Immer, so will es die Überlieferung, musste man ein paar illegale Tausender mehr hinlegen als die Konkurrenz, wenn man einen guten Spieler nach Berlin locken wollte. Und wenn der Himmel eine ganze Mannschaft voller Könner gratis schickte, war Hertha unfähig, sie zu integrieren. 1950 hatten sich elf Spieler der SG Dresden-Friedrichstadt aus der DDR abgesetzt, wo sie sich um die Meisterschaft betrogen fühlten. Geschlossen gingen sie, vorneweg Helmut Schön, zu Hertha BSC. Gewannen gleich das erste Trainingsspiel gegen die alteingesessene Berliner Belegschaft mit vier zu zwei. Und wurden fortan nicht mehr richtig warm mit denen. Was ein Superteam hätte werden können, landete nur auf dem dritten Platz in der Berliner Stadtliga: Das war die Geburt der Nachkriegshertha. Kein Verein ist von der Geschichte mehr gebeutelt worden. Keiner aber hat sich auch öfter selbst ins Knie geschossen, in ebenjenem Moment, da sich Großes anbahnte.

1961 verliert die Hertha ihr halbes Hinterland. Hertha-Fans aus dem Osten starren über die Mauer zur Plumpe hinüber und lauschen den Spielen. 1963 klappt dann endlich mal was: Genau im richtigen Moment wird die Hertha Berliner Meister und so zum Gründungsmitglied der Bundesliga. Die aber erweist sich als knifflig. Zweimal gelingt, jetzt im Olympiastadion, mit Ach und Krach der Klassenerhalt. Bei der Hertha aber knirscht’s im Gebälk. Die Urberliner sind eifersüchtig auf die teuer aus den Westgebieten angelockten Mannschaftskameraden, zudem werden Machenschaften ruchbar: Es ist wohl nicht ganz nach den DFB-Statuten zugegangen im Klub, in dem ein Schleifmittelfabrikant, ein Automatenaufsteller/Kneipier und ein Bestattungsunternehmer das Sagen haben. Bei Hertha rückt der DFB an. Prüft die Bücher gründlicher als sonst üblich. Und verbannt den Verein aus der Bundesliga.

In Berlin ist man entsetzt. Setzt aber, grundnaiv, zum Gegenschlag an. Hertha-Funktionär Wolfgang Holst setzt sich im SFB vor ein Mikrofon. Und liest vor, was bundesligaweit als offenes Geheimnis gedacht ist: Eine halbe Stunde lang nennt er Namen von Spielern und Vereinen, die verboten hohe Ablösesummen und Handgelder transferiert haben sollen. Der Hertha-Chronist Michael Jahn beschreibt in seinem Buch „Nur nach Hause geh’n wir nicht“ die Konsequenzen: „Doch der nach diesen Enthüllungen erhoffte Eklat blieb aus. Der Berliner Fußballverband distanzierte sich von der ,Art und Weise des Vorgehens der Hertha‘, die betroffenen Vereine reagierten mit öffentlicher Entrüstung und Empörung. Der DFB blieb stumm.“

Anfang der Siebziger hat die Hertha sich wieder berappelt. Vorne streiten Bayern und Gladbach um die Meisterschaft. Dann kommt auch schon Hertha BSC. 1970 landet das Team auf Platz drei und zieht dort auch 1971 seine Kreise. Zu Hause gewinnt die Hertha praktisch alles, schenkt den Bayern drei Tore ein und den Gladbachern vier. Die Zuschauer strömen wie nie. Am letzten Spieltag gastiert Arminia Bielefeld. Der Abstiegskandidat. Das schlechteste Auswärtsteam der Liga. Und die Fans erkennen ihre Hertha nicht wieder. Keiner läuft, keiner müht sich. Bielefeld gewinnt eins zu null. Ein paar Frustrierte rufen etwas von „Schiebung“. Und kurz darauf nimmt der große Bundesliga-Bestechungsskandal seinen Lauf. Bielefeld hat Spielern von Hertha 250 000 D-Mark gezahlt.

Wochenlang leugnen alle alles. Irgendwann bricht das Geschwür auf: Bielefelder hängen mit drin, Schalker hängen mit drin, Stuttgarter, Duisburger, Braunschweiger hängen mit drin, Kölns Nationaltorwart Manglitz hängt mit drin . . . In Berlin bricht alles zusammen. Fünfzehn Spieler werden gesperrt. Im nächsten Jahr wollen nur noch halb so viele Menschen die Hertha spielen sehen. Im Jahr darauf wird es nicht besser. Hertha steht vor dem Ruin, schafft es in einer letzten außersportlichen Kraftanstrengung, das Gelände der Plumpe in Bauland umwidmen zu lassen. Verkauft die Wiege des Vereins. Bagger rollen. Ein paar Wochen später ist das Stadion, in dem die Hertha groß und geliebt wurde, verschwunden. Und zwar so was von spurlos.

Zaghaft nähert man sich dem Ort, an dem die Plumpe stand. Kann es hier wirklich gewesen sein? Hat hier das Herz geschlagen? Man passiert einen kleinen, maroden Fußballkäfig, in dem zwei Jugendliche nach dem Basketballkorb werfen. Dann ragt sie auf: eine graue, gewaltige Mietskaserne, bis zu elf Stockwerke hoch, mit Balkonverkleidungen aus Spritzbeton-Holzimitat. Man vergewissert sich: Kann es hier gewesen sein? Es muss hier doch gewesen sein! Keine Gedenktafel, kein Foto, kein nichts. Ein paar unkommentierte Skulpturen stellen grätschende Fußballer dar; einen geplatzten Ball. Man geht die Front ab, wagt sich in den Innenhof hinein: Eine grüne Berliner Wasserpumpe steht da, Sonne scheint, Spielplätze wechseln sich mit kleinen Mischwäldern ab: für eine Hochhaussiedlung ganz okay. Für einen Fußballfan ist es die Hölle.

Seit den frühen Siebzigern ist das alte Tantchen Hertha eine Heimatvertriebene. Irgendwo hinterm Westend, auf Hitlers Olympiagelände hat sie sich hin verloren. Die nächsten Jahrzehnte bringen den schleichenden Niedergang und immer scheußlichere Trikots. 1979 schafft das Team um Erich „Ete“ Beer es noch bis ins Uefa-Pokal-Halbfinale, 1986 reibt Fußballdeutschland sich die Augen: Ein ganz anderer Verein vertritt Berlin in der Bundesliga, Blau-Weiß 90 nämlich. Hertha steigt zeitgleich ins Amateurlager ab. Zwei Jahre lang sind Traber Mariendorf oder Rapide Wedding die Gegner. Doch pünktlich zur Maueröffnung startet Hertha durch, pflügt sich durch die zweite Liga und steigt am Ende auf. Da werden sie ganz euphorisch in West-Berlin! Und im Osten der Stadt sitzen die besten Fußballer auf gepackten Koffern. „Mit Hertha in der ersten Liga“, sagt Frank Rohde, seinerzeit Libero beim DDR-Serienmeister BFC Dynamo, „das wäre damals das Größte gewesen.“

Aber Hertha macht kein Angebot, ihm nicht und den anderen nicht, die nur darauf warten, von den Westvereinen abgegriffen zu werden. So geht Rohde zum HSV, mit ihm Thomas Doll. So wechseln die anderen DDR-Stars nach Leverkusen, Bochum oder Stuttgart. Für Berlin sind sie nicht gut genug. 1991 steigt die Hertha mit erbärmlichen vierzehn Punkten wieder ab.

Erst zehn Jahre nach dem Mauerfall geht es endlich um hauptstadttaugliche Würden: 1999 wird die Mannschaft Dritter und scheint auf dem Sprung nach ganz oben zu sein. In die deutsche Spitze. Und wieso nicht auch in die europäische? Wer Champions League spielt, wo die Fernsehgelder sprudeln, der kann auch eine große Mannschaft finanzieren. Mit Siegen über den AC Mailand und Chelsea feiert die Hertha ein ganz neues Lebensgefühl, verspielt aber im Bundesliga-Schlussspurt den vierten Platz, der für Champions-League-Qualifikation und -Millionen steht. Na egal, dann eben wieder nächstes Jahr!

Im Mai 2001 brauchen sie einen Heimsieg gegen Leverkusen. Führen eins zu null durch Sebastian Deisler. Werden nervös. Kassieren den Ausgleich. Und werden Fünfter. Dann aber, 2002, ist Platz vier endlich im Sack! Allerdings kommt ab sofort nur noch der Dritte ins europäische Geldparadies.

Nächstes Jahr, nächster Anlauf: Immer näher robbt die Hertha sich im Saisonfinale an Platz drei heran, empfängt zum Fußball-Festtag die Bayern – und hat schon zur Pause fünf Tore gefangen. Drei zu sechs heißt es am Ende, wieder muss Hertha Strafrunden laufen im Uefa-Pokal. 2005 greift sie wieder an. Muss am letzten Spieltag nur daheim gegen Hannover gewinnen. Und trifft vor 74 500 Feierwilligen das Tor nicht: null zu null. Wieder Vierter.

Danach ist der Mut erst mal gebrochen, ein paar Jahre lang dümpelt der Verein durchs Mittelfeld. Dann scheint das Schicksal es zur Abwechslung gut zu meinen: Aus der Schweiz hat Hertha 2007 den Erfolgstrainer des FC Zürich geholt, Lucien Favre. Und 2008 spielt man plötzlich um die Meisterschaft mit, bis ganz zum Schluss. Der erste Titel seit 1931 liegt in der Luft – Hertha spielt null zu null gegen Schalke. Und rutscht am letzten Spieltag noch ab. Auf Platz vier.

Welcher Fluch lastet auf der Hertha? Wo sie einmal herkam, breitet sich Schweigen. Wo die Plumpe stand, erinnert nichts mehr an sie. Kinder spielen in der Frühlingssonne, Jugendliche schauen ihre Handys an, Schilder verbieten das Fußballspiel. Ein paar hundert Meter weiter, am Vinetaplatz im Wedding, wo ein paar Sechzehnjährige die Hertha der Legende nach im Jahr 1892 aus der Taufe gehoben haben sollen, erinnert nichts mehr an sie. Noch ein paar hundert Meter weiter, in Prenzlauer Berg auf dem Arkonaplatz, wohin eine konkurrierende Legende die Gründung verlegt, erinnert nichts mehr an sie. Ein paar Schritte nördlich, im Jahn-Sportpark, auf dem Gelände, wo die Hertha kicken lernte in den neunziger Jahren des neunzehnten Jahrhunderts, erinnert nichts mehr an sie. Die Hertha hat ihre Geschichte verloren. Und wiederholt alle ihre Brüche mit Konsequenz.

Versonnen stapft man durch den sonnigen Park in der grauen Hochhausanlage. Der kleine Hüseyin wird von seiner großen Schwester gesucht. Wo man jetzt schlendert, ist einmal Hanne Sobek gerannt. Hier brutzelte die Luft im mächtigen Spannungsfeld zwischen Uhrenberg und Zauberberg. Hier stand die Zeit still. Draußen rattert eine S-Bahn vorbei auf ihrem ewigen Weg um den Ring. An diesem Ort liegt Berlins Fußballherz begraben. Hier wartet eine große Vergangenheit auf den Anschluss an die Zukunft. Berlin träumt. Hertha schläft.

Eine Version des Textes erschien in der FAZ am 5. Mai 2012. Alle Rechte liegen bei Autor.

Die Originalversion dieses Textes befindet sich auf der Webseite des Autors.

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